KARPALTUNNEL-SYNDROM
Handwurzelkanalsyndrom, Handwurzelkanal

Das Karpaltunnel-Syndrom wird auch als Handwurzelkanalsyndrom bezeichnet.
 

Der Begriff

  • Das Wort Karpaltunnel ist die deutsche Bezeichnung für den Canalis carpi. Manche Autoren bezeichnen dieses Gebilde auch als Handwurzelkanal. Der Tunnel bzw. Kanal wird begrenzt vom Hand wurzel knochen und dem Retinaculum flexorum (= Halteband der Beuger muskulatur) und enthält die Sehnen der Finger beuger sowie den Nervus medianus.

  • Unter Syndrom versteht man ein stets mit etwa den gleichen Krankheitszeichen einhergehendes Krankheitsbild, meist unbekannter oder vieldeutiger Ursache.

Nach Angaben der deutschen Gesellschaft für Neurologie (www.dgn.org) ist das Handwurzelkanalsyndrom mit Abstand häufigste Engpass-Syndrom und macht ca. 45 % aller nichttraumatischen Nervenschädigungen aus. Das Erkrankungsrisiko liegt bei 8-10 %, wobei Frauen etwa doppelt so häufig erkranken als Männer. Das Manifestationsalter (= Alter im den die Krankheit auftritt)  liegt in der Regel über 30 Jahren; in 76 % der Fälle sind 40 bis 70-Jährige betroffen, wobei sich eine bilaterale Manifestation bei etwa 40 % der Betroffenen nachweisen lässt.

Beim Karpaltunnel-Syndrom handelt es sich um ein Nerven-Engpass-Syndrom bzw. Nervenkompressionssyndrom (Kompressionsneuropathie) des Nervus medianus infolge einer mechanischen Reizung im Canalis carpi (= Hand wurzelkanal) unter dem Ligamentum carpi transversum (= ein Halteband, das den Handwurzelkanal bedeckt).

Patienten mit einem Handwurzelkanalsyndrom klagen häufig über nächtlich betonte Schmerzen, in vielen Fällen sogar beiderseits. Es besteht ein Brennschmerz in der (mehr mittleren) Hand und des angrenzenden Unterarm es, vor allem bei Dorsalflexion (= Überstreckung der Han d). Die Schmerzen können bis zur Schulter ausstrahlen. Je nach Ausmaß der Störung treten Hypästhesien - und Parästhesien (= herabgesetzte Empfindung und Mißempfindungen), auch Nachlassen der Muskel kraft, Kältegefühl und Hyperhidrose (= übermäßige Schweißbildung), später auch Atrophie (= Gewebsschwund) der Daumen ballen muskulatur (Abduktor-Opponens-Atrophie) hinzu.
Der brennende Schmerz
charakter gibt manchmal Anlaß das Karpaltunnel-Syndrom mit einer Kausalgie (CRPS Typ II, Komplexes regionales Schmerzsyndrom) zu verwechseln.
 

Häufige Ursachen für ein Handwurzelkanalsyndrom

  • Knochen brüche mit deformierender Heilung (Radiusfraktur (= Speichenbruch) 

  • perilunäre Luxation (= "Verrenkung" im Bereich eines Handwurzelknochens)

  • Steigerung des Druckes im Tunnel, z.B. infolge einer Tendosynovitis (= Sehnenscheiden-Entzündung)

  • Ödembildung (= Ansammlung von Gewebsflüssigkeit),

  • Metabolitenablagerung (= Ablagerung von Stoffwechselprodukten) oder auch (selten):

  • Bindegewebswucherung

  • Endokrine (= Drüsen betreffende) und hormonelle Veränderungen, z.B. bei Gravidität (= Schwangerschaft), Diabetes mellitus (= Zuckerkrankheit), Akromegalie (= Größenzunahme von Händen, Füßen, aber auch Nase, Ki nn oder Ohren), Hypothyreose (= Schilddrüsenunterfunktion)
  • Stoffwechselerkrankungen, z.B. Gicht, Amyloidose (= eine Eiweißablagerung), Mukolipidose (= eine erbliche Speicherkrankheit), Mukopolysaccharidose (= ebenfalls eine angeborene Speicherkrankheit)

Wie in der Tabelle schon erwähnt, kann diese Syndrom im Handwurzelkanal durch hormonale Faktoren (Klimakterium (= Wechseljahre), Gravidität (= Schwangerschaft), Hypophysen- (= Hirnanhangdrüse) und Schilddrüsenerkrankungen) begünstigt werden. Die Beteiligung der genannten Faktoren läßt vermuten, daß an der Ausbildung des Karpaltunnel-Syndrom s das sympathische Nervensystem wesentlich beteiligt ist. Dies deckt sich mit unserer Erfahrung, daß wiederholte Pl exus brachial is-Blockaden (siehe unten) sehr viel bessere Resultate als selektive Medianus-Blockaden aufweisen. Die selektive Blockade des Nervus medianus eignet sich zur Diagnostik.

In die differentialdiagnostischen Erwägungen (= was außer einem Karpaltunnel-Syndrom sonst noch an Krankheiten infrage kommt) müssen die Dupuytren-Kontraktur (= Zwangsbeugung der Finger infolge Hüllgewebsschrumpfung) und das Pseudo- Karpaltunnel-Syndrom, bei dem die Sehne des Muskel s flexor digitorum den Nerv komprimiert, mit einbezogen werden.
 

Untersuchungen beim Handwurzelkanalsyndrom:

Zum Ausschluß hormonaler Faktoren sollte eine endokrinologische (= die Hormondrüsen betreffende)) Abklärung erfolgen. Evtl. noch Ultraschall, CT, MRT und medizinisches Labor (Diabetes mellitus?, Gicht? rheuma tische Krankheiten?).
 

Therapie beim Handwurzelkanalsyndrom:

  • Hilfreich ist beim Handwurzelkanal syndrom zunächst ein Schienenverband der Hand in Mittelstellung 

  • Bei endokrinologischen (= die Hormondrüsen betreffenden) Auffälligkeiten eine entsprechende kausale (= auf die Ursache gerichtete) Therapie

  • Zunächst Versuch mit wiederholten, distalen (= nahe dem Handgelenk) Blockaden (= Betäubung) des Nervus medianus, auch mit Kortikoidzusatz

  • Im fortgeschrittenen Stadium, bei Veränderungen im EMG (= elektrische Muskeluntersuchung), ist die operative Spaltung des Ligamentum carpi transversum erforderlich

Nicht selten verbleiben trotz einer kausalen (= auf die Ursache gerichteten) fachärztlichen Behandlung des Karpaltunnel-Syndrom s weiterhin Schmerzen, so daß dann schmerztherapeutische Behandlungsmethoden gefragt sind. Oft sind diese bei verschiedenen Grundkrankheiten die gleichen, da sie sich nach den Schmerzen und deren Ausdehnung und nicht mehr vorrangig nach der Ursache richten. Ein länger bestehender Schmerz erfordert praktisch immer eine Kombination von verschiedenen Therapieverfahren, die i.d.R. nur in spezialisierte Zentren (Schmerzklinik) angeboten werden können. Beim Handwurzelkanalsyndrom sind dies: 

  1. Informationen über die Erkrankung

  2. Medikamentöse Behandlung (u.a. Analgetika (= Schmerzmittel), schmerzlindernde Psychopharmaka, auch als Infusionen, individuell ausgetestet)

  3. Therapeutische Lokalanästhesie (= Behandlung mit einem örtlichen Betäubungsmittel) in Form von Infiltrationen und Nervenblockade n, in hartnäckigen Fällen kontinuierlichen Blockade des Pl exus brachial is (siehe unten)

  4. Akupunktur

  5. Evtl. TENS-Therapie (schmerzlindernde elektrische Ströme, die von einem kleinen tragbaren Gerät abgegeben werden)

  6. Psychologische Therapieverfahren (bes. Entspannungsverfahren und Schmerzbewältigungstraining)

  7. Physiotherapie (Krankengymnastik und Anwendungen) 

Sollte mit den aufgeführten Therapiemethoden wider Erwarten keine Linderung bzw. durchgreifende Besserung zu erreichen sein, muß eine Operation in Erwägung gezogen werden. Nicht so selten kommen aber Patienten nach einer solchen (fehlgeschlagenen) Operation in eine Schmerzklinik. Man fragt sich natürlich in solchen Fällen, warum eine Schmerztherapie nicht schon vor der Operation versucht wurde (???).
 

Methodenbeschreibung
Therapeutische Lokalanästhesie (= Behandlung mit einem örtlichen Betäubungsmittel)
Kontinuierliche Blockade des Plexus brachialis mit Katheter

Ein nicht zu unterschätzender Vorteil dieser Behandlungsmethode ist, daß neben der erwünschten Hemmung der Nozizeption (= Schmerzreizleitung), sozusagen als Nebeneffekt, auch vegetative Nervenfasern (= unwillkürliches Nervensystem) mit einbezogen sind, dies gilt insbesondere für den Plexus brachialis (= großes Armnervengeflecht). Die daraus resultierende sympathikolytische (= gefäßerweiternde) Wirkung führt zu einer sehr deutlichen Mehrdurchblutung, die u.a. einem kompressionsbedingt gestörten Nervenzellmetabolismus (= Stoffwechsel der Nervenzelle) kausal (= ursächlich) entgegenwirkt. 
Auch bei Verwachsungen (z.B. nach Operationen) ist die sympathikolytische Nebenwirkung hilfreich, indem die entstandenen, bradytrophen
(= mit herabgesetztem, verminderten Stoffwechsel einhergehende)e) Gewebsbereiche besser durchblutet werden und es dadurch zu einer Optimierung der gestörten Mikrozirkulation kommt.

Bei der Plexus brachialis-Blockade (= Betäubung des Arm nervengeflechts) mit Katheter wird im Bereich der Innenseite des Oberarmes, nahe der Achselhöhle in örtlicher Betäubung der Armnerv mit einer Kanüle aufgesucht. Dann wird durch diese Kanüle hindurch ein dünner Kunststoffschlauch in die Nervenscheide (= den Nerv umhüllendes Gewebe) eingeführt und nach oben, zur Schulter hin, vorgeschoben. In den nächsten 2-3 Wochen wird der Kunststoffschlauch mehrmals täglich (bei Bedarf auch nachts) mit einem örtlichen Betäubungsmittel aufgefüllt. Die Konzentration des Wirkstoffes wird so gewählt, daß die aktive Beweglichkeit erhalten bleibt, die Schmerzempfindlichkeit jedoch deutlich herabgesetzt oder aufgehoben ist. Im Stadium der deutlichen Schmerzlinderung oder Schmerzfreiheit kann dann intensiv und vor allem sinnvoll krankengymnastisch behandelt werden.
Nach neueren Erkenntnissen kann diese intensive Blockadetherapie das sog. Schmerzgedächtnis löschen, auch beim schmerzhaften Handwurzelkanalsyndrom.

Wenn Schmerzen beim Karpaltunnel-Syndrom längerfristig bestehen, so ist davon auszugehen, daß bereits ein Chronifizierungsgrad II oder III (Mainzer Stadieneinteilung) vorliegt. In diesen Fällen ist eine rein somatische (= körperliche) Schmerzbehandlung kaum mehr ausreichend, sondern es müssen zusätzlich psychologisch /psychotherapeutische Interventionen erfolgen.

   
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